Ein Tanz nach Hong Kong

Hongkong im Juli 2007 – Experten, Schüler und Studenten aus über 100 Ländern treffen sich zum Diskurs über Theater im Rahmen von Bildung.
Vom 16.-22.07.07 fand hier der 6. Weltkongress der IDEA – International Drama/Theatre and Education Association - statt. Erstmalig dabei eine deutsche Schultheatergruppe.

Die Teilnahme am Schultheater-Weltkongress war der Höhepunkt eines Projektes des Bundesverbandes Darstellendes Spiel, unterstützt und gefördert durch das Land Mecklenburg-Vorpommern, den Bund Deutscher Amateurtheater und die Stadt Schwerin.

Als teilnehmende Gruppe am Schultheater der Länder 2006 in Bremen wurde das Tanztheater Lysistrate vom Schweriner Goethe-Gymnasium ausgewählt und bereitete in einem Arbeitsprozess von 8 Monaten die aktive Beteiligung am IDEA-Kongress vor, dabei spielten die SchülerInnen auch die Hälfte der benötigten Reise- und Teilnahmekosten ein.
Den Impuls des Bremer Festivals aufgreifend – „Theater im Fluss“ – wählte die Gruppe ein Thema mit internationaler Bedeutsamkeit. Es entstand eine Tanztheater-Collage, in der sich das Ensemble mit der Problematik Wasser als „Lebensmittel“ auseinandersetzt. Dabei berührt es Fragen nach den Folgen des Wassermangels ebenso wie seine vernichtende Wirkung im Überfluss. Wie sehr damit die Befindlichkeit eines internationalen, besonders asiatischen Publikums getroffen werden sollte, konnte die Gruppe bei der Premiere in Deutschland nicht erahnen. Diese Befindlichkeit führte zu einem der besonderen Erlebnisse, die das Tanztheater Lysistrate bei diesem Treffen von Theaterleuten aus den verschiedensten Kulturen machen sollte.

Bei einer Produktion, die angelegt ist, den Zuschauer in die Inszenierung einzubeziehen, die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum aufzuheben, ist jede Vorstellung neu und einmalig. Doch in Hongkong erlebte die Gruppe, die aus 12 Tänzerinnen und Tänzern im Alter zwischen 16 und 19 Jahren besteht, Unglaubliches. Eine durch solch Intensität und Emotionalität während einer Aufführung ist für mitteleuropäische Mentalität schwer nach vollziehbar. Zu Tränen ergriffenene Zuschauer, ein Publikum das aktiv zum Teil der Inszenierung wird. In einer Szene, in der das Verdursten mit seinen körperlichen Auswirkungen gezeigt wird, beginnen Zuschauer mit ihren Händen geschöpftes Wasser zu den Tänzern zu tragen. Im Kampf um die letzten Wassertropfen helfen Nebenstehende den Gefallenen auf, stützen sie. Das Stück erhält eine neue, für die Darsteller tiefgreifende emotionale Dimension. Am Ende der Vorstellung sieht man auf beiden Seiten vielfach Tränen in den Augen.

„Dort zu spielen war etwas ganz besonderes, weil einfach alles anders war. Der Spielort, die Zuschauer, die Atmosphäre und das Stück selbst erschien auch irgendwie anders. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal dabei sein kann, wenn Menschen so durch unser Stück berührt und nachdenklich gestimmt werden.“ (Anja Huelse, 18 Jahre)
„Es war ein unglaubliches Gefühl vor so einem motivierten Publikum zu spielen, das werde ich nie vergessen.“(Llloya Brunson, 16 Jahre)

„Nach der Aufführung war ich glücklich, Menschen berührt zu haben, zum Nachdenken gebracht zu haben.“ (Theresa Nehl, 17 Jahre)

Diese Anteilnahme am Spiel war neu, und in Gesprächen nach den Vorstellungen begab man sich gemeinsam mit den Zuschauern auf die Suche nach Gründen. Eine Erklärung vielleicht, an diesem Ende der Welt ist man der Problematik z.B. des Tsunami direkter ausgesetzt.

Neben den Fachgesprächen mit Kongress-Teilnehmern bot sich den deutschen Schülerinnen und Schülern auch ein Treffen mit Teilnehmern eines chinesischen Jugendcamps. Sie zeigten großes Interesse an der Arbeitsweise der Theatergruppe, hatten auch viel Fragen zu Jugendarbeit und Schule in Deutschland. Eine spannende Gesprächsrunde in der beide Seiten viel Interessantes von einander erfuhren. Hier spürte das Ensemble von Lysistrate besonders die Aufgabe, Botschafter für deutsches Schultheater zu sein.

Theater als Sprachrohr für politische Botschaften, für gesellschaftlich geprägte Inhalte spielt auf diesem Kongress eine führende Rolle. Eine neue Erfahrung für die deutschen Schüler, die nicht unpolitisch sind. Neu für sie jedoch in ihren Erlebnissen während der Tage in Hongkong, dass theatrale Formen und ästhetische Wirkungen oft hinter den Inhalten zurücktreten. Besonders deutlich wurde dies auf einer weiteren Ebene, wo sich die Jugendlichen ganz aktiv in die Gestaltung des Kongresses einbrachten – die Teilnahme am Hongkong Express. Hongkong Express ein eigens für die jugendlichen Kongress-Teilnehmer durchgeführtes Workshop-Programm, an dessen Ende auch eine Ergebnispräsentation vor dem gesamten Kongress stand. Unter der Leitung zweier erfahrener Theaterpädagogen aus den USA und den Philippinen arbeiteten 30 Jugendliche (aus China, Australien, Großbritannien, Philippinen, USA, Deutschland) eine Woche lang an einem gemeinsamen Theaterprojekt. Arbeitssprache war natürlich Englisch, was auch manchmal zu Mißverständnissen und Fragezeichen führte. Am Ende blieb die Erfahrung: Theater ist bei allen Unterschieden auch immer eine gemeinsame Sprache.

„Wir haben gesehen, dass die Techniken bei den Theatergrundlagen unseren sehr ähneln. Keine Sprachbarriere konnte uns abhalten gemeinsame Szenen zu erarbeiten“ (Marie Brombach, 18 Jahre)

Die Teilnahme am IDEA-Weltkongress war für die deutsche Schultheatergruppe gekennzeichnet durch eine Vielzahl neuer Eindrücke, gewonnen durch eigene praktische Aktivitäten, durch unzählige Gespräche und die interessanten Aufführungen aus anderen Theaterkulturen. Mit diesen neuen Erfahrungen im Gepäck, wenn zunächst noch ein wenig müde aber hoch motiviert kehrten die Jugendlichen nach Hause zurück.
„Gestärkt und mit vielen neuen Erfahrungen werde ich mich in die nächsten Proben stürzen und bin immer mehr von dem überzeugt, was wir da tun und was wir erreichen können.“ (Theresa Nehl)

Das Projekt soll für die Mitglieder an dieser Stelle nicht beendet sein. Sie überlegen jetzt, wie sie die gesammelten Erfahrungen weitergeben können, um anderen vom Erlebten abzugeben.

Bilder finden Sie hier.

Silke Gerhardt
Theaterlehrerin, Leiterin des Tanztheaters Lysitrate, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel Mecklenburg-Vorpommern, Mitglied des Vorstand des Bundesverbandes Darstellendes Spiel.

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